„Verkehrsökologische Konferenz“ in Omsk 2004

Seit einigen Jahren verbindet ein reger Studentenaustausch die Eisenbahnuniversität Omsk mit der Fakultät Verkehrswissenschaften der TU Dresden. So reisten im März 2004 erneut zwölf Dresdner Studenten ins ferne Sibirien, diesmal jedoch nicht nur zum Kennen lernen, sondern mit wissenschaftlichem Hintergrund.

Der Auftrag

Während Ökologie in Russland schon lange kein Fremdwort mehr ist, stellt die Verkehrsökologie doch ein eher unbekanntes Thema in der Gesellschaft dar. Um die noch wenigen engagierten Fachleuten vor Ort zu unterstützen, wollten die deutschen Studenten zusammen mit dem Lehrstuhl für Verkehrsökologie ein Handbuch erstellen. Vor Ort sollten in Arbeitsgruppen Erfahrungen von beiden Seiten ausgetauscht werden.

Planung

Da von den mitreisenden Dresdner Studenten quasi niemand vorher in Russland war und fast alle der russischen Sprache nicht mächtig sind, konnte eine solche Reise nur mit Hilfe der erfahrenen Vorgänger geplant werden. Die Mitglieder von Verkehrte Welt e.V. haben alle nötigen Kontakte hergestellt und die wesentlichen Planungen, insbesondere für Russland übernommen. Praktisch war, dass Norbert gerade in Novosibirsk seine Diplomarbeit schreibt und die Omsker Uni persönlich kennt.

Anreise

Für manche begann die Reise früher – für andere später als gedacht. Während der Großteil der Gruppe mit Aeroflot, russischem Wein und Lachsschnittchen eine viel zu kurze Nacht nach Moskau flog, wagten zwei Studenten die klassische Anreise mit dem Ost-West-Express von Köln nach Moskau – sie mussten dafür einen Tag früher los, waren aber die einzig ausgeruhten in Moskau. Dafür gab es bei den Fliegern keine Probleme mit russischen Zollerklärungen, denn das war der große Nachteil an der Schlafwagenanreise: niemand im Zug sprach deutsch und richtig gut konnte auch keiner Englisch. In Moskau wurden alle von Norbert abgeholt – endlich jemand, der sich auskannte und die Sprache beherrscht.

Moskau

Wir waren wohl die letzten Besucher Zwei Tage Moskau standen auf dem Programm (18. und 19. März) – genug, um sich an Russland zu gewöhnen. In der hektischen Metropole fällt zu allererst eins auf: die Stadt erstickt im Verkehr und seinen Abgasen. Verbunden mit Schneematsch war der erste Eindruck der Stadt eher trübsinnig. Doch die Baudenkmäler und das pulsierende Leben lassen das Bild wandeln. Lenin-Mausoleum, Kreml, GUM, Universität und zahllose Metrostationen faszinieren schnell. Nicht zuletzt die schnellen Rolltreppen lassen einen spüren, dass diese Großstadt aufregender ist, als viele andere. Einzig als mobilitätseingeschränkte Person hätte man in Moskau keine Chance. Es gibt keinerlei Einrichtungen, die es ermöglichen, mit einem Rollstuhl unterwegs zu sein. Und ohne eine Unterführung manche Straßen zu überqueren, ist für die Einheimischen zwar normal, grenzt für langsame Mitteleuropäer aber eher an einen Suizidversuch. Nach einer Übernachtung im Hotel Minsk (einfach, aber in Ordnung; wird laut Moskauer Deutsche Zeitung nach unserem Besuch abgerissen) und dem Austesten des ÖV-Systems (Beim Umsteigen von einem Bus auf den anderen ist übrigens ein neuer Fahrschein nötig) waren wir reif für eineinhalb Tage Erholung im Zug.

Reisen oder Wohnen? Die Transib

Der Höhepunkt für viele war schlicht und ergreifend die Fahrt mit einem Zug der Transsibirischen Eisenbahn vom Jaroslaver Bahnhof nach Omsk. Im Schlafwagen 3. Klasse ist es zwar zu Beginn sehr eng, da alle Reisenden am selben Bahnhof einsteigen und nicht nur die deutschen Touristen sehr viel Gepäck mithaben. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit hat man sich aber arrangiert und kann sich wie zu Hause fühlen. Trotz Großraumabteil fühlt man sich recht privat und die meisten konnten sich vom langsamen Schaukeln des Wagens gemütlich in den Schlaf wiegen lassen. Wenn man knapp 40 Stunden im Zug verbringt, stellt sich ein ganz anderes Reisegefühl ein, als man es sonst gewohnt ist. Man beschäftigt sich mit Bettenmachen, Essen zubereiten, Waschen und Kommunikation. Irgendwie wohnt man mehr in dem Zug, als dass man reist. Und es wird einem nicht langweilig. Bis Omsk hat wohl niemand in dem Buch gelesen, das er sich mitgenommen hat. Und hin und wieder trifft man sogar Menschen, die deutsch sprechen. Die faszinierende Zugfahrt hat aber zwei Nachteile: erstens fehlt eine Dusche, die bei der langen Fahrt doch sehr angenehm wäre und zweitens werden für etwa 20 Minuten vor und nach jedem längeren Halt die Toiletten verschlossen.

Tief im Osten – Die Ankunft

Am 21. März waren wir dann am eigentlichen Ziel unserer Reise: Omsk, die Stadt mit 1,2 Millionen Einwohnern am Zusammenfluss von Om und Irtisch. Das erste Abenteuer war bereits die Fahrt mit dem Bus der Universität zum Wohnheim. Das reichlich betagte Gefährt schaffte es gerade noch so zum Wohnheim. Dieser vorurteilsbestärkende Eindruck steht im krassen Unterschied zur Universität.

Die Unterkunft

Wohnheim Nr. 5 – unsere Herberge für die nächste Woche. Frisch saniert und modern eingerichtet kann man hier gut und gerne leben. Sibirische Improvisation ist vorhanden (Spiegel mit Klebeband befestigt) aber eher eine Seltenheit. Die Etage teilt sich eine Dusche, Waschräume und Küche sind ausreichend, wenn auch letztere permanent von den nordkoreanischen Kampfsängern belagert wird. Auffallend anders ist die Betreuung oder besser Bewachung durch die Deschurnajas. Ins Haus darf man nur als Bewohner oder als vorher schriftlich angemeldeter Besucher. Das verhindert spontane Besuche von Freunden, sorgt aber für die nötige Sicherheit. Nach 23 Uhr darf übrigens keiner mehr das Haus verlassen oder betreten – Ausnahmen gibt es sehr selten und bevorzugt für Gäste wie uns.

Arme Verhältnisse in Russland? Nicht an der Uni

Wenn man erzählt, dass man nach Sibirien fährt, bekommt man sofort zu hören, dass man sich da doch in die schlechtesten, trostlosesten Verhältnisse begeben würde. Eine ähnliche Erwartung hatten wir auch. Aber dann kommt man in die Staatliche Omsker Eisenbahnuniversität, und aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wenn man eine Führung hinter sich hat, fragt man sich, in welch ärmlichen Verhältnissen wir in Deutschland eigentlich lernen müssen. Das altehrwürdige Gebäude ist frisch saniert und innen moderner als alles andere. Zahllose Speziallabore sind aufwendig ausgestattet und lassen keine Wünsche offen. Selbst eine Ablaufbergsimulation gibt es, auf Flachbildschirmen sieht man die Wagen, die man an echten Steuereinrichtungen leiten und bremsen kann und selbst die Laufgeräusche der Wagen kann man hören. Einzig das Bahnlabor ist nicht so beeindruckend wie unseres. Dafür gibt es ein universitätseigenes Museum sowie eine kleine Fahrzeugausstellung. Im Konferenzraum, in dem die Eingangsveranstaltung stattfindet, kommt man sich richtig wichtig vor. Kameras senden Bilder aus jeder Richtung auf die großen Monitore und an der Wand hängt, wie im Film, eine große Karte der Westsibirischen Bahn. Der Fotograf, der das ganze Ereignis für die Uni festhält, ist etwas aufdringlich. Hier zeigt sich, dass man in Russland sehr stark auf den Schein setzt: Kaum ein Foto, dass nicht inszeniert wird.

Die Konferenz

Während am Montag nur Vorträge geplant sind, sollen während der restlichen Woche die Themen in kleinen Gruppen besprochen werden. Als die Fachstudenten ihre Vorträge auf Englisch vorlesen wird schnell klar, ohne Übersetzer läuft hier nichts. Doch dafür ist glücklicherweise gesorgt. Ab Dienstag bekommt jeder seine persönliche Dolmetscherin zugeteilt. Und spätestens jetzt kommt man sich wirklich wichtig vor. Unterschiedlich ist das Engagement der Studenten. Nach den ersten Arbeitsgruppen haben viele den Eindruck, dass sich die Sprachstudenten mehr mit Verkehrsökologie befassen, als die Fachstudenten. Aber das Bild wandelt sich, in einigen Gruppen wird bald heftig diskutiert. Das Verkehrsökologie in Russland anders gesehen wird, ist klar. Auffallend ist, dass zum Teil dieselben Fehler wiederholt werden, die in Europa auch gemacht wurden. So ist für Verkehrsvermeidung zum Beispiel kein Verständnis vorhanden. Auch Katalysatoren werden als zu teuer abgelehnt. Dafür will man viele, extra gezüchtete Bäume pflanzen („Extra gezüchtet? Was sind das denn für Bäume?“ – „Pappeln!“), die die immensen Abgasmengen verarbeiten sollen. Das erinnerte an Ideen, die man im Deutschland der 70er Jahre hatte.

Nussknacker und viel zu viele Zugaben – das kulturelle Rahmenprogramm

Was grenzen wir alles mit dem Begriff Kultur ein? Schwer zu sagen. Geboten wurde eigentlich alles. Dienstag Disko, Mittwoch Tschaikowskys Nussknackersuite, Donnerstag eine Gemäldegalerie und ein deutsch-russischer Jugendclub, Freitag ein Konzert sowie Samstag ein Klosterbesuch und eine Studentenkneipe. Da fehlt nichts mehr. Aufwendig waren die Inszenierungen. Die Nussknackersuite hatte etwa doppelt so viele Bühnenbilder wie die Semperoper-Version. Die Disziplin, jedoch, ist in Russland tatsächlich anders als in Deutschland. Die Gäste redeten noch munter weiter, als das Orchester schon längst zu spielen begonnen hatte. Und im Konzertsaal war auch während der Aufführung ein ständiges Kommen und Gehen. Negativ fiel uns die schnelle Art der Zugaben auf. Während das Konzert im ersten Teil für alle sehr beeindruckend war, gestaltete sich der zweite Teil sehr eintönig und langatmig. Dennoch spielte das Orchester trotz für unsere Verhältnisse kurzen Applauses eine Zugabe nach der anderen, so dass sogar wir irgendwann mitten im Stück den Saal verließen. Die etwas leichteren Freizeitaktivitäten, insbesondere die Kneipe, unterschieden sich dann eher wenig von den vergleichbaren deutschen Einrichtungen. Nur, dass man schnell einen russischen Monatslohn vertrinken kann, ist schon erschreckend. Ein besonderes Erlebnis stellte der Jugendclub dar. Eine Einrichtung, in der Russlanddeutsche und deren Freunde spielend deutsch lernen sollen und die nun zur interkulturellen Begegnungsstätte werden sollte. Zum Eisbrechen waren dabei Spiele notwendig, bei denen manche auf Händen getragen wurden, zwölf Mann auf einen Stuhl mussten oder sich 40 Leute auf Russisch irgendetwas über ihre Gesichtsmerkmale und ihre gegenseitige Zuneigung erzählen mussten. Einerseits fand man es albern, andererseits hatten alle ihren Spaß – und eine versteifte Grüppchenbildung konnte wirklich nicht beobachtet werden. Manch einer unserer Studenten musste am Ende geradezu weggezerrt werden.

O-Busse, aus denen man den Boden sehen kann

Für ordentliche Verkehrswissenschaftler gehört es sich natürlich, die lokalen Verkehrssysteme zu betrachten. So stand am Anfang der Woche ein Ausflug zum Rangierbahnhof. Hier rollen alle paar Sekunden Güterwagen über den Ablaufberg. Eine Weiche, die länger als sechs Sekunden zum Umstellen benötigt, ist bereits langsam. Und die einstmals personalbediente Anlage wird (wie bei uns) langsam aber sicher vollautomatisch. Aber auch der ÖPNV interessierte uns. Während Omsk im normalen Busverkehr Fahrzeuge mit westlichem Standard einsetzt, schafft man es in den O-Bussen mitunter, auch durch den Fußboden die Straße zu sehen. Und in der Tram fehlen immer mal wieder ganze Sitze. Dafür leistet man sich in jedem Fahrzeug einen (wohl unterbezahlten) Schaffner, der die sechs Rubel (etwa 20 Cent) pro Fahrt kassiert. Wie auch in Moskau muss man bei jedem Einstieg neu bezahlen, also auch, wenn man während einer Fahrt umsteigen muss. Trotz der schlechten Fahrzeuge und der fehlenden Verbundtickets sind die Fahrzeuge auch im Zwei-Minuten-Takt gut gefüllt. Schade nur, dass nach 24 Uhr kein öffentliches Verkehrsmittel mehr fährt und man bei -30 Grad zu Fuß nach Hause gehen muss.

Statistik

Nach etwa zwei Wochen gab es, entgegen aller Befürchtungen, keinen Diebstahl zu verzeichnen, auch kein Betrug ist bekannt geworden. Dafür war eine Bestechung nötig, um unsere einzige Kranke direkt vors Krankenhaus fahren zu dürfen. Magenbeschwerden kamen nur einmal vor, dafür gab es einen Knochenbruch und zwei daraus resultierende verfrühte Heimflüge. Ungezählt bleiben die Passkontrollen, von denen vermutlich jeder mehr durchgemacht hat, als in seinem ganzen Leben in Deutschland.

Wie ist das möglich? Mit den richtigen Personen.

Ein ganz großes Dankeschön geht an die Leute, die diese Reise für uns organisiert haben. Das sind neben den Freunden der Omsker Universität die Mitglieder der Verkehrten Welt. Insbesondere zu nennen ist an dieser Stelle noch mal Norbert, der als Reiseleiter wirklich jede Situation gekonnt meisterte und uns jegliches Gefühl, in einem fremdem Land zu sein, nehmen konnte. Ohne ihn, und seine hilfreichen Bekanntschaften, wären wir nicht zurechtgekommen. Jedenfalls nicht annähernd so gut.

Fazit

Wie auch unsere Vorgänger gingen wir mit geringen Erwartungen auf diese Reise. Und wie unsere Vorgänger auch wurden wir sehr positiv überrascht. Die Reise war ein unvergessliches Erlebnis, die wir auf jeden Fall wiederholen würden. Russland ist ein Land, dass in vielen Dingen anders ist und doch in vielen Dingen gleich. Auf jeden Fall fällt einem die Armut nicht auf, die Vorstellungen von einem am Boden liegenden Land wurden alles andere als bestätigt. Verkehrsökologie steht noch an den Anfängen, wird aber nicht ignoriert. Vier mal 40 Stunden Zugfahrt können immer noch zu wenig sein, 2000 Kilometer sind eben in Russland immer noch keine Entfernung. Und man sollte auf jeden Fall vorsichtig laufen, denn bei der nicht vorhandenen Räum- und Streupflicht bekommt der Wunsch „Hals- und Beinbruch“ eine ungemütliche Bedeutung.

Es war toll. Hoffentlich können wir das noch mal machen.

Bis dahin.

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