Ostsee-Umrundung oder Der umständlichste Weg nach Flensburg
Im Sommer zieht es traditionell viele Urlauber aus Sachsen an die Ostsee. Daher liegt es nahe, sich mal anzuschauen, was das Binnenmeer so besonders macht. Wohin an die Ostsee? Naja, überall. Wir haben uns in den Kopf gesetzt, die Ostsee zu umrunden. Dabei wollen wir, wenn es zeitlich vertretbar ist, immer möglichst nah an der Küste bleiben.
16. August
Unmittelbar nach der Klausurenphase finden wir uns samstagmorgens am Hauptbahnhof ein. Am Bahnsteig wartet zur Abfahrtszeit allerdings nicht unser ComfortJet nach Berlin, sondern der stark verspätete Nachtzug aus Graz. Mit etwa 10 Minuten Verspätung geht es dann auch für uns los, aber dank Umleitungen über Coswig und Falkenberg sowie dem verspäteten Zug vor uns erleben wir am Südkreuz beim ersten geplanten Umstieg gleich den ersten Anschlussverlust. Wegen der Generalsanierung zwischen Berlin und Hamburg ist der Weg nach Lübeck ohnehin umständlich. Statt mit dem RE85 bis Bad Kleinen durchzufahren, stehen uns jetzt vier Umstiege bis Lübeck bevor. Der am Südkreuz eingesetzte RE5 Richtung Stralsund ist dort schon gut gefüllt, am Hauptbahnhof voll und ab Gesundbrunnen überfüllt. Bei schönem Wetter zieht es viele Touristen an die Seen. Am nächsten Umstieg in Neustrelitz wechseln wir und die zahlreichen Hansa-Fans in den RE50, der dort 20 Minuten auf uns gewartet hat. Der Zugbegleiter wird zum Helden des Tages, als er alle weiteren Anschlüsse bis Lübeck vormeldet. Mit weiteren nun gesicherten Umstiegen in Güstrow, Bützow und Bad Kleinen erreichen wir Lübeck gegen 14 Uhr.
Nachdem wir unsere Zimmer in der Jugendherberge bezogen haben, fahren wir nach Travemünde, wo wir einen ersten Blick auf die Ostsee werfen. Weiter geht es mit dem Bus nach Timmendorfwo eine ortskundige Dame uns wissen lässt, dass unser Anschlussbus bereits weg ist. So warten wir auf die nächste Gelegenheit, an die Vogelfluglinie zu fahren. Es erscheint der 522er Bus in Form eines gemieteten VW Crafter mit nah.sh-Logo, gesteuert von einem Fahrer nah am Renteneintrittsalter. Es ist gerade so noch genug Platz für uns. Die Route führt über schöne Strandwege in kleinen Küstenorten, die wir uns mit dutzenden Fahrrädern teilen. So verpassen wir auch den Anschluss in Haffkrug und haben Gelegenheit, die Reste von Bahnhofsinfrastruktur zu bestaunen. Mit einer Stichfahrt nach Neustadt in Holstein endet der erste Strandbesuch und wir schauen uns abends die Altstadt von Lübeck an.
17. August
Der Frühstücksraum der Jugendherberge ist gut besucht. Nach und nach treffen die Mitreisenden ein und letztendlich sitzen wir zu siebt an einem Tisch für vier. Mit dem Generalsanierungs-IC vom Hamburg über Lübeck und Rostock nach Binz, angeführt von einer 218 mit 101 im Schlepp, machen wir uns zunächst auf den Weg nach Stralsund.
In Züssow steigen wir auf die Usedomer Bäderbahn um und bei Świnoujście verlassen wir dann nach anderthalb Tagen auf Reisen Deutschland. Die polnische Grenzpolizei interessiert sich nicht für uns, und wir steuern den nächstbesten Żabka an. Mit der kostenlosen Stadtfähre setzen wir von Usedom auf die Insel Wolin über, wo sich die Bahnhöfe befinden. Für die Streckenkarte laufen wir etwa 200 Meter vom Hauptbahnhof zum Hafenbahnhof. Dort erklären wir zum ersten Mal auf dieser Reise einem Polregio-Schaffner, was Interrail ist. Etappenziel des Tages ist Szczecin. Abendessen bei Żabka.
18. August
Vormittags besichtigen wir die Innenstadt von Szeczecin. Vom höhergelegten Schellstraßen-Kreuz hat man einen guten Blick auf die Hafenanlagen, die Hakenterasse und das Schloss. Mit der Straßenbahn fahren wir in den Norden der Stadt und werfen einen Blick auf den Baufortschritt für das S-Bahn-Netz. Am späten Nachmittag kehren wir bei der Brauereigaststäte Nowy Browar ein. Bis zum Abend ist das Straßenbahnnetz weitgehend bereist und unsere Reisegruppe wächst auf ihre Maximalstärke von neun Personen an.
19. August
Eine Rangierlok befördert einige Kurswagen mitsamt uns von Szczecin nach Kołobrzeg. Was wir uns als verschlafenes Ostseebad vorgestellt haben, stellt sich als einer der beliebtesten Urlaubsorte in Polen heraus. Zu den Touri-Aktivitäten zählen Ausfahrten mit Fake-Piratenschiffen und das Aufstellen von Sichtschutzwänden am Strand. Nachdem wir also erlebt haben, warum so viele Fernzüge nach Kołobrzeg fahren, nehmen wir einen Express-Intercity. Dieser ist mit brandneuen Wagen unterwegs. Stiftung Speisewagentest nimmt das Bordrestaurant unter die Lupe: Żurek und die Kartoffelpuffer werden für gut befunden. Daneben wird im Speisewagen auch das beliebte polnische Sommergetränk Bier mit Fruchtsirup frisch angemischt. In Gdansk befindet sich unser Hostel am Rande der Altstadt und erstreckt sich über vier Gebäude, aber wir finden uns in den Treppenhäusern schnell zurecht. Nur freie Bäder sind schwer zu finden.
20. August
Gdansk überzeugt mit einer Mischung aus Hanse und moderner Architektur. Nach dem obligatorischen Altstadtrundgang zieht es die Mitreisenden zu verschiedenen Zielen. Auch hier gibt es wieder ein Straßenbahnnetz zu bereisen. Alternativ bietet sich ein Spaziergang über das Gelände der Kaiserlichen Werft an, wo 1980 die Solidarność-Gewerkschaft gegründet wurde, die später entscheidend an den Reformen 1989 mitwirkte.
Abends finden wir uns zum Essen bei einer Food Hall auf dem historischen Werftgelände ein. Der nächstgelegene S-Bahn-Halt befindet sich gerade im Umbau. Als Bahnsteigzugang dient ein Zickzackkurs aus Bauzäunen über die Gleise, ohne Sicherungsposten. Aber der Zug fährt ja langsam.
21. August
Wir unternehmen einen Ausflug nach Hel. Die Halbinsel ist bis zum letzten Zipfel per Zug erreichbar. An einigen Stellen ist auf beiden Seiten die Ostsee zu sehen. Aufgrund der beliebten Ausflugsorte ist die Zugfolge dicht und die Züge sind bunt. Eine kleine Gruppe setzt sich ab, um in verschiedenen Küstenorten das interessante Zugaufgebot fotografisch zu dokumentieren. Der Rest strebt einen Strandtag in der Hafenstadt Hel an. Auch hier muss einem Polregio-Schaffner wieder das Konzept Interrail erklärt werden. Trotz Unterstützung eines polnischsprachigen Österreichers lässt sich der Schaffner nicht zu einem Blick in die Beförderungsbedingungen bewegen und bezichtigt uns, die Tickets gefälscht zu haben. Die Situation lässt sich durch einen unauffälligen Umstieg in den hinteren Zugteil entschärfen, wo die Zugbegleiterin die QR-Codes zwar auch nicht auslesen kann, aber dennoch akzeptiert. Für die Fuzzygruppe endet der Tag im Nachtzug Richtung Bohumin, der bis Gdynia aus ČD-Taucherbrille und passenden tschechischen Y-Wagen gebildet ist. Ein später Besuch beim Balkan-Grill in der Food Hall rundet den Tag ab.
22. August
Wir treten früh den Weg zum Bahnhof an. Wir müssen nach Warschau, wo wir am nächsten Morgen mit dem einzigen Zug des Tages ins Baltikum weiterreisen wollen. Auf unserer Mission, möglichst nah an der Küste zu reisen, fiel unser Augenmerk auf den TLK51110, der die 283 Kilometer Luftlinie auf 733 Kilometer Fahrstrecke erweitert, dabei drei Richtungswechsel und einen Lokwechsel einlegt (aber nicht gleichzeitig) und bis auf wenige hundert Meter an die Grenze zu Belarus rankommt. Im Achterabteil unternehmen wir also eine mehrstündige Rundfahrt durch die Masuren. Da kein Speisewagen eingereiht ist, versorgen wir uns während der längeren Aufenthalte an den Bahnhöfen.
Mit dem Sonnenuntergang erreichen wir Warschau. Am Ostbahnhof begegnet uns der Nachtzug nach Kiew. Wir aber fahren mit der Straßenbahn zu unserem Hostel. Nach einem Pierogi-Abendessen erkunden wir die Gegend. Das Stadtzentrum besteht aus einer interessanten Mischung aus Plattenbauten und Wolkenkratzern.
23. August
Nach nur einer Nacht in Warschau – powered by Spätverkehr – finden wir uns zum letzten Mal in einem Zug von PKP Intercity ein. Die Fahrt geht zunächst nach Suwałki. Unterwegs begegnen uns einige ukrainische Güterzüge. Der Zug bringt uns über die Grenze zu Litauen. Mit Polen lassen wir auch das sonnige Wetter hinter uns. In Mockava warten wir mit vielen anderen Reisenden auf den Anschlusszug. Es erscheint wie geplant ein dreiteiliger Pesa-Dieseltriebwagen, in dem trotz des großen Ansturms und ohne fest zugewiesene Sitzplätze am Ende doch genug Platz für alle ist. Im geräumigen Breitspurzug mit 2+2-Bestuhlung lässt es sich auf großen Sitzen gut Reisen. Der Zug fährt nach Vilnius, wir aber wollen an die Küste nach Klaipėda und steigen daher in Kaunas und Šiauliai nochmals um. Im Dunkeln erreich wir bei strömendem Regen Klaipėda.
Unser Hotel befindet sich in der Hafengegend. Als wir aus dem Bus steigen, fragen uns prompt deutsche Fahrradfahrer, ob wir auch die Ostseefähre suchen. Trotz des Regenwetters verlassen wir das Hotel nochmal, um bei der finnischen Burgerkette Hesburger ein spätes, aber dringend benötigtes Abendessen zu finden. Direkt vor dem Hotel befinden sich die Gleisanlagen einer Hafenbahn, wo zur Freude aller Tag ein, Tag aus sowjetische Dieselloks Güterwagen rangieren.
24. August
Die Fenster haben den Lärm der Güterwagenverladung gut abgeschirmt. Das Hotel ist zwar nicht ganz billig gewesen, bietet aber dafür ein großes Frühstücksbuffet. In einer Regenpause brechen wir zum Stadtrundgang auf. Das Wetter bleibt aber wechselhaft. Bei dem Wetter treffen wir in der Stadt – natürlich – nur deutsche Touristen an. Rund um die Danė-Mündung kann man die kleine Altstadt erkunden. Mittags lassen sich am Bahnhof Großdieselloks mit Personen- und Güterzügen antreffen. Den Abstecher mit dem Triebwagen auf dem befahrbaren Teilstück der Strecke Richtung Kaliningrad sparen wir uns aber. Stattdessen setzen wir mit der Fähre zum Nationalpark Kurische Nehrung über, die die Ostsee vom Kurischen Haff trennt. An der nördlichen Spitze besuchen wir eher zufällig ein Freilichtmuseum und eine Ausstellung zur Fischereigeschichte. Der Regen hat mittlerweile nachgelassen. Bei stürmischem Wetter wandern wir entlang der Ostseeküste zur südlichen Fähre, die uns direkt vor dem Hotel absetzt. Dabei führt uns der Wanderweg zielsicher über den höchsten Hügel weit und breit. Am Hotel können wir erneut den Rangierarbeiten beiwohnen. Bei näherer Betrachtung fällt auf, das sämtliche Güterwagen in diesem Terminal bei der russischen Staatsbahn eingestellt sind. Zum Abendessen besuchen wir die örtliche Shopping-Mall, in der sich mit Blick auf die Eissport-Arena eine Pizzeria befindet.
25. August
Wir müssen erneut früh aufbrechen. Es fährt genau ein Zug am Tag von Litauen nach Lettland, und den müssen wir in Šiauliai abpassen. Unser Premium-Hotel hat uns netterweise Lunchboxen gepackt. Bereits um 11 Uhr örtlicher Zeit erreichen wir Riga. Wir können unser Gepäck am Hostel abladen, das sich unweit vom Bahnhof in einem der landestypischen Holzhäuser befindet. Danach fallen wir erstmal bei der lokalen Coffeshop-Kette Caffeine ein. Da unsere Interrail-Pässe für den Tag aber ohnehin aktiviert sind, fahren wir mit der S-Bahn nach Jūrmala, den Badeort vor den Toren Rigas. Der Ort wird geziert von kleinen Holzhäuschen, dazwischen die ein oder andere sicher noch teurere Villa. Aber auch architektonische Beton-Kunstwerke aus jüngerer Vergangenheit stehen in den Kiefernwäldern hinterm Strand.
Mit der S-Bahn fahren wir wieder in die Stadt rein. Auf den Vorortlinien verkehrt ausschließlich die Breitspurvariante der Škoda-Panter. Die klassischen Elektritschkas stehen schrottreif in den Abstellanlagen. Dafür sind auf den Straßenbahnlinien in Riga aber noch zahlreiche Tatra-Wagen T3 und T6B5 mit Stangenstromabnehmer anzutreffen. Abends testen wir im Lokāls Karbonādes die landestypische Variante des Schnitzels.
26. August
Ein Tagesausflug führt uns nach Daugavpils. Am Bahnsteig in Riga erwartet uns ein uriger Dieseltriebwagen vom Typ DR1AM aus der Riga Waggonfabrik. Mit neuem Diesel und Vogel-Sitzen im Innenraum kommt der Triebwagen aber gar nicht so rustikal daher wie erwartet.
Daugavpils im Osten von Lettland ist selbst ist stark russisch geprägt. In der Stadt begegnen uns baugleiche Straßenbahnen wie in Moskau. Wir sind aber wegen anderer Fahrzeuge hier: Daugavpils ist der einzige Ort in Europa, wo sowjetische KTM5-Straßenbahnen anzutreffen sind. Auf Anfrage erfuhren wir, dass die KTM5-Straßenbahnen während unseres Besuchs nur frühmorgens auf Linie sein werden. Kurzerhand ließ sich aber eine historische Straßenbahnrundfahrt statt mit Riga-Wagen auch mit KTM5 chartern. Am Betriebshof besteigen wir also den Wellblech-Wagen aus der Ust-Katawer Waggonfabrik, Baujahr 1990. Nach der einer Stunde auf den Linien 1 und 3 biegt der Wagen zu unserer Überraschung nicht wieder in den Betriebshof ein, sondern fährt noch die große Schleife in Norden und zur Wendeschleife Brotkombinat. Unterwegs entgleist mehrfach der Stangenstromabnehmer und wir müssen in eingleisigen Bereichen auf Gegenzüge warten. Insgesamt wirkt die zweite Stunde der einstündigen Rundfahrt, als wäre sie tatsächlich ungeplant. Am Ende haben wir im KTM5 fast das gesamte Tramnetz bereist, und das zum vereinbarten Preis. Wir Fahrgäste und auch das Fahrpersonal sind sehr zufrieden. Nicht so sehr die Schaffnerin, als man uns bei einsetzendem Regen ihren Linienzug Richtung Innenstadt bereits auf dem Betriebshofgelände besteigen lässt. Wir kehren noch zum Mittagessen ein und befahren zum Schluss den Linienast zum Bahnhof, von wo uns ein etwas weniger modernisierter DR1A wieder in die Hauptstadt bringt. Alle sind etwas müde und im Zug ist schlechte Luft, aber die anderen Fahrgäste verhindern vehement das Öffnen der Fenster. Erst als die Schaffnerin kommt, wird eine Belüftung des Wagens durchgesetzt.
27. August
Als offizieller Programmpunkt steht ein Besuch beim Transport and Telecommunication Institute auf dem Programm. An der größten Privatuni der Stadt liegt der Fokus auf Informatik, BWL und Logistik. Nach einer Führung durch die Räumlichkeiten und Labore, in denen die Studierenden an allerlei angewandten Projekten basteln, treffen wir die Studierendenvertretung in ihren Räumlichkeiten und tauschen uns auf informeller Ebene übers Studieren und Studi-Leben in Estland und Deutschland aus.
Mit dem Tipp, bei Lido zum Essen vorbeizuschauen, machen wir und wieder auf den Weg in die Stadt. Bei der Kantinen-Kette können wir Pink Soup probieren. Dabei handelt es sich um eine kalte Rote-Beete-Suppe, deren Erfindung alle baltischen Staaten gerne für sich beanspruchen. Danach strömen wir in die Stadt aus, wo es einiges zu entdecken gibt. Einen Besuch Wert sind die große Markthalle, die Nationalbibliothek oder auch das Eisenbahnmuseum. Rund um den Bahnhof wird schon für Rail Baltica gebaut. Für den echten Ostblock-Charme lohnt sich ein Abstecher mit der Straßenbahn in die Platten-Viertel. Abends kehren wir noch zum Folklore-Abend ins Ala Pagrabs ein, das uns vor der Reise von mehreren Leuten unabhängig empfohlen wurde. Der Laden ist voll und von der Musik bekommt man leider nicht viel mit, aber das Essen und die Getränkepalette überzeugen auch so.
28. August
Mit dem Zug, mit dem wir zwei Tage zuvor aus Litauen angekommen sind, setzen wir unsere Reise nach Estland um 11 Uhr fort. In Valga steigen wir dabei auf einen dieselelektrischen FLIRT des estnischen Betreiber Elron um. Mit 2+3-bestuhlung ist der nicht ganz so komfortabel wie die LTG-Züge. Am frühen Abend erreichen wir Tallinn. Die Altstadt liegt malerisch auf mehreren Hügeln. Auch viele Regierungseinrichtungen sind in den kleinen Stadthäusern untergebracht. Von mehreren Aussichtspunkten können wir den Sonnenuntergang über der Ostsee beobachten. In die andere Richtung fällt der Blick von oben auf die Skyline bei Nacht.
29. August
Bei regnerischem Wetter bereisen wir die Stadt per Straßenbahn. Zunächst im KT4 Richtung Flughafen, die in Tallinn auch mit einem Niederflur-Mitteiteil versehen wurden. Später auch mit neuen CAF-Zügen, die das Regenwetter aber nicht ganz so gut abkönnen…es tropft von der Decke. Wir besuchen den Kadriorg-Park und das Straßenbahn-Denkmal an der Wendeschleife Vana-Lõuna. Zum Mittagessen haben wir uns wieder in einer Food Hall in der Nähe des Bahnhofs verabredet. Danach haben wir es auf den überschaubaren Vorortverkehr abgesehen. Zuerst fahren wir Richtung Kloogaranna. Das Gleis endet an einem Prellbock im Wald. Ein Fußweg führt an den wenig einladenden Strand einer Ostsee-Bucht. Eine Infotafel zeigt ein Schwarzweißbild, wie eine Elektritschka hier hunderte Strandbesucher ablädt. An diese Zeiten erinnert an dem trüben Herbsttag aber wenig.
Vorbei an einigen Datschen gehen wir zur Straße, von wo aus uns ein Bus nach Paldiski bringt. Zur Zeit des Kalten Krieges war Paldiski eine geschlossene Stadt, um die sowjetische U-Boot-Basis von der Außenwelt abzuschirmen. Auch wenn einige der Wohngebäude mittlerweile bunt angemalt sind, vermittelt die Stadt immer noch einen tristen Eindruck.
Mit der Bahn fahren wir zurück nach Tallinn. Vom Bahnhof in die Stadt erwischen eine der auf alt getrimmten KT4-Straßenbahnen. Mit neuen Fronten und Holzbänken längs zur Fahrtrichtung sollen die Bahnen „retro“ wirken.
In unserem schicken neuen Kettenhotel am Hafen geht nachts mehrfach die Alarmglocke an und wieder aus. Nachdem die Glocke irgendwann immer weiter schrillt und sich draußen Leute sammeln, verlassen auch wir das Gebäude. Die einzig anwesende überforderte Hotelkraft und der dazugeholte Sicherheitsdienst können den Alarm abstellen und weisen die Gäste an, eventuell wieder auftretenden Alarm zu ignorieren, bis eine Durchsage doch zur Evakuierung auffordert.
30. August
Am Morgen besichtigen wir die Stadthalle Linnahall, die anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1980 gebaut wurde. Die fanden zwar in Moskau statt, jedoch wurden in Tallinn die Wettkämpfe im Segeln ausgetragen. Die Halle ist nicht hoch, aber lang, und ragt bis ins Meer. Vom begehbaren Dach hat man einen Rundumblick über die Ostsee und die Stadt. Die gesamte Anlage steht unter Denkmalschutz, wird aber aktuell nicht genutzt und verfällt.
Danach fahren wir mit dem Bus raus in die Trabantenstadt Väike-Õismäe. Diese wurde in den 1960ern nach Vorbild der Gartenstädte als Ringstadt um einen zentralen Park geplant. Rund um den künstlich angelegten See befinden sich im innersten Ring Schulen. Je weiter man sich vom See entfernt, desto höher wachsen die Plattenbauten, bis man an der Ringstraße mit den Geschäften angelangt ist.
Vollständig kann die Ostsee nur durch Russland umrundet werden. St.Petersburg können und wollen wir auf der Schiene aber nicht erreichen. Stattdessen stechen wir in See und setzen mit der Tallink-Fähre in gut zwei Stunden nach Helsinki über. An Bord kann man sich die Zeit im Duty-Free-Bereich vertreiben, oder sich beim All-You-Can-Eat-Buffett einkaufen. Das Einlaufen in den Hafen von Helsinki durch die zahlreichen vorgelagerten Inseln beobachten wir vom Deck aus.
31. August
Helsinki ist auf den ersten Blick grau und düster, was aber zum Teil dem Wetter geschuldet ist. Die Stadt liegt auf einer felsigen Halbinsel direkt am Meer und integriert diese felsige Natur in ihre Architektur und Planung, anstatt sie zu überbauen. Neben der Felsenkirche ist die Oodi-Bibliothek ein markantes Bauwerk. Kein Vergleich zur SLUB mit Schließfächern und Zugangskontrolle: Das öffentliche Gebäude bietet viel Platz zum Arbeiten oder Verweilen, Cafés und eine Aussichtsterrasse. Das neue Kulturzentrum wird auch als „Beste Bibliothek der Welt“ bezeichnet.
Der Blick vom Senatsplatz zum Dom wird leider durch zahlreiche Baustellen versperrt. Hier, wo das Musikvideo zu „Darude – Sandstorm“ beginnt, kommen auch die Läufer vorbei: Anlässlich des 20. Jubiläums findet ein Lauf-Event statt, bei dem die Teilnehmenden die Orte aus dem Musikvideo in passenden Kostümen ansteuern. An der Ziellinie im Kaivopuisto-Park wartet Darude himself. An verkehrlichen Highlights bietet sich die Light Rail-Linie an, die die Innenstadt und die zerklüftete Küste im großen Bogen umfährt und dabei die äußeren U-Bahn-Äste miteinander verbindet. Zum Essen lädt die hier lokale Kette Hesburger ein.
1. September
Am Abend werden wir mit dem ersten Nachtzug unserer Reise fahren. Da lohnt es sich natürlich, den Interrail-Tag früh zu starten. Wir wollen eine kleine Rundfahrt unternehmen und sind jetzt auf finnischer Breitspur unterwegs, die 4 Millimeter breiter ist als die Breitspur im Baltikum. Zunächst fahren wir mit dem lokbespannten Doppelstock-Intercity nach Lahti. Hier können wir auf einen der älteren Sm2-Triebwagen umsteigen und nach Kouvola fahren. Am Bahnhof bietet sich ein Blick auf VR Fleetcare mit vielen Elektroloks. Nach einem kurzen Stadtspaziergang setzen wir unsere Runde fort nach Riihimäki, wo wir auf einen Sm4 nach Helsinki umsteigen. Außerhalb der Metropole Helsinki zeigt sich: Die Landschaft besteht hauptsächlich aus Wäldern und Seen. Daher ist es nicht so schlimm, dass es schon dämmert, als wir den Nachtzug Richtung Kolari besteigen. Wir sind im „Old Car“ untergebracht, da die wenigen Doppelstock-Schlafabteile leider schnell ausgebucht waren. Überhaupt ist der Buchungsprozess für Interrail-Reservierungen per Telefon an der International Hotline eher ungewohnt: Man buchstabiert seine Mailadresse und Kreditkartendetails im Nato-Alphabet, um dann kurz später Reservierungen zugeschickt zu bekommen. Stiftung Speisewagentest rückt aus, um Köttbullar zu testen. Die Preise sind sportlich, aber das Essen ist gut und trotz des Andrangs schnell auf dem Tisch.
2. September
Frühaufsteher können morgens den Lokwechsel in Oulu auf zwei Dieselloks mitsamt Generatorwagen beobachten. Wenig später erreichen wir Tornio-Itäinen, wo wir den Nachtzug an einem unscheinbaren Bahnsteig im Gewerbegebiet verlassen. Der internationale Stadtbus kreuzt zwar wenig später auf, aber wir gehen zunächst zu Fuß zum Hauptbahnhof. Der liegt an der Bahnverbindung nach Schweden und wurde kürzlich modernisiert, aber ein handgeschriebener Zettel weist die Passagiere auf „no trains here“ hin und zeigt, was man bei google maps eintippen muss, um zum Haltepunkt zu gelangen.
Vom Bahnhof gelangen wir zunächst ins finnische Tornio. Da unser Frühstücks-Spot erst um 10 Uhr schwedischer Zeit öffnet, ruhen wir uns noch zwei Stunden in der lokalen Mall aus. Dann machen wir uns bereit für den Übertritt nach Schweden, indem man die Mall verlässt, eine Wasserinstallation kreuzt und dann direkt auf den nördlichsten IKEA der Welt zuläuft. Im Restaurant werden deutsche Family-Cards akzeptiert und wir verspeisen die nächsten Köttbullar.
Frisch gestärkt laufen wir am Grenzfluss entlang, vorbei an Holzhäusern, zum nächsten Zug. Am schön restaurierten Bahnhof von Haparanda ist nicht viel los, die Breitspuranlagen sind leer. Wir lesen, dass kurz nach unserem Besuch der Personenverkehr nach Finnland wieder aufgenommen werden soll (Anmerkung der Redaktion: Der Betrieb ist nach wie vor nicht aufgenommen worden.) Die teilweise neu trassierte Haparandabahn erlaubt Geschwindigkeiten von bis zu 250km/h, die wir auf dem Weg nach Luleå über Boden aber nicht ausfahren. Nach der langen Etappe wird sich im Hotel erstmal ausgeruht. Danach Stadtrundgang. Die lokale Burgerkette heißt jetzt Maxburger und wird abends natürlich getestet. Die Chance auf Nordlichter wird leider durch die dichte Wolkendecke auf null reduziert.
3. September
Nach dem Frühstück unternehmen wir einen Ausflug nach Gammelstad. Die Stadt Luleå wurde infolge der skandinavischen Landhebung näher an die Küste verlegt. Vom alten Stadtkern ist die Kirche erhalten, umgeben von einem Kirchendorf. In den 400 schwedenroten Hütten übernachteten die Gemeindemitglieder, wenn sie zum Gottesdienst nach Luleå kamen. Als eines der wenigen erhaltenen Kirchendörfer gehört Kyrkstad heute zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Am späten Nachmittag besteigen wir einen der Nachtzüge Richtung Stockholm. Kurz vor der Abfahrt rollte noch einer der bekannten LKAB-Erzzüge im Bahnhof ein. Mit zwei Elektroloks machen wir uns auf den Weg nach Südschweden. Im Liegewagen-Abteil wird abends die monatliche Vereinssitzung abgehalten. Danach rückt Stiftung Speisewagentest zum Abendessen aus. Der Speisewagen hat eher Bistro-Charakter. Im Selbstbedienregal können verpackte Gerichte gewählt werden, die je nach Art noch in der Mikrowelle warmgemacht oder kalt verzehrt werden. Außerdem erhält jeder eine Anti-Rutsch-Matte für den Tisch.
4. September
Um 7 Uhr kommen wir pünktlich in Stockholm an. Keine angenehme Zeit, um in einer neuen Stadt zu landen. Ursprünglich sah der Reiseplan vor, gleich nach Malmö umzusteigen. Letzten Endes fiel die Wahl aber doch auf die Hauptstadt. Um 8 Uhr ist unser Hostel-Zimmer natürlich noch nicht fertig und so müssen wir unser Gepäck zunächst im Schließfach lassen. Danach besorgen wir uns SL-Chipkarten bei SevenEleven und geistern durch die Altstadt. Am Schloss beobachten wir den Übungslauf für den Konvoi aus Reiterstaffel und Fahrzeugen, der den König einige Tage später zu Parlamentseröffnung bringen soll. Wenig später sammelt uns Marius ein und zeigt uns die Stadt, die er während seines Auslandssemester bereits kennenlernen durfte.
Wir setzen zunächst mit der SL-Fähre auf die Insel Djurgården über, wo sich der Freizeitpark Gröna Lund befindet und außerdem die Endstation der letzten verbleibenden Straßenbahnlinie der Stadt. Aufgrund einer technischen Störung wird ein kurioser Inselbetrieb auf wenigen hundert Metern zwischen der Endstation und dem Betriebshof gefahren. Für einen Moment sieht es so aus, als könnten wir den Betriebshof spontan besichtigen. Leider findet sich dann aber doch kein Personal, um uns zu betreuen. Wir fahren weiter mit dem Linienschiff nach Ropsten, wo wir uns die Vorortstraßenbahn Lindigöbanan anschauen. Danach checken wir im Hostel ein. Für den späten Nachmittag bietet sich ein Ausflug mit den ÖPNV-Schmalspurbahnen im Norden der Stadt an. Deren Endstation Stockholms Östra liegt direkt am Campus der Technischen Hochschule, wo wir bei einer lokalen Pizzeria zunächst die Spezialität Schinkenpizza mit Banane kennenlernen und abends einen Studiclub besuchen. Die haben die Besonderheit, dass sie Fakultäten zugeordnet sind und nur ausschenken dürften, wenn die Hälfte der Anwesenden der jeweiligen Fakultät angehören. Aber wir haben Glück und das Verhältnis passt. Außerdem kann man durch gewisse Aktionen Patches sammeln, um sie auf den Fakultäts-Overall aufzunähen, aber das alles zu erklären würde den Rahmen sprengen…
5. September
Vormittags sind wir in Kleingruppen in der Stadt unterwegs. Einige besuchen das Verkehrsmuseum, das in einer ehemaligen Werkshalle auf mehreren Ebenen die Geschichte des Öffentlichen Verkehrs in Stockholm erklärt und einige Fahrzeuge beheimatet. Nachmittags treffen wir uns wieder zur „Fika“, zur traditionellen Pause zum Abschalten bei Kaffee und Zimtschnecken. Abends haben wir uns zu einem veganen Buffett angemeldet, das in der teuren Stadt mit studentischen Preisen überzeugt. Vom Restaurant aus hat man einen wunderbaren Blick über die Altstadt und die Ostseebucht Strömmen.
6. September
Eine lange Tagesetappe soll uns wieder nach Deutschland führen. Wir steigen in den Snälltåget Richtung Malmö. Im Zug lernen wir, dass er unter anderer Zugnummer sogar bis Kopenhagen weiterfährt und wir gerne weiterfahren können. Wir hatten uns vorher noch einen Slot für ein (frühes) Mittagessen im Speisewagen reservieren können. Das Essen lässt auf sich warten, sodass es mit unserem Zeitfenster fast knapp wird, aber überzeugt. In Malmö ist der Tunnel planmäßig zur Wartung gesperrt und so setzen wir nach einem Fahrtrichtungswechsel auf den Kopfgleisen von Malmö C unsere Fahrt über den Øresund mit ein paar Wagen weniger fort.
In København bleibt ein kleiner Verspätungspuffer und am Nachmittag geht es mit der Gumminase über den Großen und Kleinen Belt nach Fredericia. Dort findet eine Zugteilung statt. Bei langsamer Fahrt wird unser Zugteil abgesprengt und kommt sofort abrupt zum Stillstand. Am Bahnsteig stehen die Zugteile nun einige Meter auseinander. In Fredericia verpflegen wir uns nochmal beim örtlichen Supermarkt, bevor wir nach Flensburg dieseln.
7. September
Am Morgen werden wir unsanft geweckt, als die Polizei eine streitende Familie aus dem Hotel befördert. Wenig später klärt sich, warum das Hotel so teuer war: Der Flensburg-Marathon findet direkt vor der Tür statt. Der Kommentator begrüßt viele Teilnehmende persönlich und so lassen sich vom Hotel aus die Stars der örtlichen Laufszene kennenlernen. Wir finden trotzdem einen Bus zum Bahnhof. Im Akku-Flirt geht es zunächst zum letzten großen Highlight der Reise, der Schleibrücke, die wir per Fuß-SEV überqueren, um in den auf der anderen Seite wartenden Zug Richtung Kiel einzusteigen.
Von Kiel nochmal nach Lübeck und so haben wir die Ostsee erfolgreich umrundet. Dann Drama in Lübeck – ein herrenloses Gepäckstück, der Bahnsteig wird geräumt. Unser Hanse-Express fährt von einem anderen Gleis, und das Zugpersonal verkündet, dass das nun der letzte Zug gewesen sei, bevor der Bahnhof gesperrt wurde. Wir sind trotzdem zu spät und – nachdem im Ausland alles glatt lief – verpassen den Anschluss in Bad Kleinen. Über Wismar fahren wir küstennah nach Rostock. Hier teilt sich die Reisegruppe ein letztes Mal auf in die Intercity-Gruppe und die Deutschlandticket-Gruppe. Für Letztere wird es rund um Berlin nochmal spannend, ob wegen Abwartens einer Anschlusssicherung eventuell der Umstieg auf den Flixtrain knapp wird. Am Ende reicht es aber sogar noch für eine Currywurst am Berliner Hauptbahnhof und gegen Mitternacht erreichen die letzten Mitreisenden Dresden.
(Text: Ernst)








































