AŽD-Exkursion 2025 – Reisebericht

In Tschechien fährt jetzt eine „autonome Brotbüchse“? Das mussten wir uns natürlich anschauen. Also haben wir Kontakt zu AŽD Praha aufgenommen, dem bekannten tschechischen Hersteller von Leit- und Sicherungstechnik. Doch bevor wir nach Tschechien aufbrechen, kam AŽD zum Gegenbesuch vorbei: Im Bahnsystemkolloquium am 15. Mai berichtete Vladimír Kampík vom „Weg zum autonomen Fahren“: Warum wir nicht von autonomen Zügen reden müssen, sondern von autonomen Eisenbahnen. Wie AŽD dazu gekommen ist, eigene Bahnstrecken als Teststrecken zu betreiben. Welche Herausforderungen bestehen, autonomes Fahren im geltenden Regelwerk zu testen. Welche Systeme zum Einsatz kommen, um Züge automatisch zu fahren und Gefahren zu erkennen. Und die Entstehungsgeschichte von EDITA, der wohl teuersten „Brotbüchse“ aller Zeiten.

Mit diesem Vorwissen starten wir am 4. Juli dann nach in Richtung Bakov nad Jizerou, wo wir mit AŽD verabredet sind. Die Anreise beginnt wegen SEV im Elbtal mit dem 360er Bus nach Teplice, von wo aus wir auf der Schiene über Ústí nad Labem und Česká Lípa weiterreisen. Wir meistern alle Umstiege und sind pünktlich am Treffpunkt, wo uns Vladimír mit einem Reisebus erwartet, der uns zum Startpunkt der Teststrecke bringt. Unterwegs wird aber klar, dass heute nicht alles so reibungslos funktionieren wird: Dunkle Ampeln und Geschäfte entlang der Straße, Staus rund um Mladá Boleslav und unser Gastgeber ständig am Telefon. Wie sich später herausstellen wird, sorgte ein defektes Kabel für einen großflächigen Stromausfall im weiten Teilen Tschechiens.

In Dolní Bousov angekommen, wartet am Bahnsteig bereits EDITA. Dass unsere Zugfahrt trotz des Stromausfalls stattfinden kann, stellen unsere Gastgeber nie in Frage, nur der autonome GoA3-Betrieb funktioniert nur solange die Notstrombatterien durchhalten, erfahren wir. In der Woche unseres Besuches ist die Strecke im touristischen Dauerbetrieb, und so warten wir noch den Anschluss an die ČD-Züge ab, bevor wir uns in Bewegung setzen.

Keine gewöhnliche Brotbüchse: EDITA in Dolní Bousov

Während die eine Hälfte der Gruppe im Beiwagen Platz nimmt, darf die andere Hälfte im Triebwagen mitfahren (später wird natürlich getauscht). Am Ausgangsprodukt, den weitverbreiteten Schienenbussen der Baureihe 810, hat sich optisch einiges Verändert. An der Front sind Kameras, LIDAR und Radar installiert, die das Umfeld des Fahrzeugs im Auge behalten und der Gefahrenerkennung dienen. Das Dach ist mit zahlreichen Antennen bestückt, unter anderem für GSM-R und 5G-Kommunikation. Im Innenraum sind die Sitzbänke Technik-Schränken und Arbeitsplätzen gewichen. Gleich zwei ETCS-Systeme, von AŽD und CAF, sind verbaut. Herzstück der Anlage ist das Control System Rack, das aus den zahlreichen Input-Signalen Fahr- und Bremsbefehle generiert. Hier fließen nicht nur Missionsdaten mit der an Bord verbauten Gefahrenerkennung auf der Digitalen Karte zusammen, sondern auch Informationen streckenseitig verbauter Systeme und von der Leitstelle. Auf Bildschirmen wird das Bild der Frontkameras mit diesen Daten überlagert, sodass den Beobachtern aktuelle Fahrdaten und erkannte Hindernisse veranschaulicht werden. Wirklich Fahrerlos? Ja, trotzdem ist der Führerstand nicht unbesetzt. Unter GoA3 überwacht das Personal aber lediglich den Fahrgastwechsel und gibt das Signal zum Türenschließen und Abfahren.

Im Triebwagen werden die Fahrdaten veranschaulicht: Viel Grün – die Strecke ist frei, Movement Authority liegt vor.

Gruppenfoto in Kopidlno

Auch im Beiwagen ist für Information gesorgt. Hier, wo sich die Fahrgäste normalerweise aufhalten sollten, geben große Bildschirme ebenfalls die „Lokführerperspektive“ mit den Fahrdaten sowie eine Visualisierung der LIDAR-Streckenüberwachung wieder. Aber auch der Blick aus dem Fenster lohnt sich. Die bereits 1883 eröffnete Strecke ist landschaftlich reizvoll; im Zuge der Vorbereitungen für den autonomen Testbetrieb hat AŽD die kleine Nebenbahn allerdings technisch stark aufgerüstet, sodass entlang der Strecke ungewohnt opulente Sicherungstechnik zu entdecken ist. So ist die ganze Strecke mit ETCS Level 2, beschrankten Bahnübergängen, Achszählern, Sensoren und Mobilfunk via GSM-R und 5G ausgestattet. Auch die Endbahnhöfe wurden modernisiert, sodass der Zug vollautomatisch in die von Správa-Železnic-Personal besetzten Bahnhöfe einfahren kann. Auf knapp 24 Kilometern zwischen den Endbahnhöfen liegen sieben Haltepunkte und auf halber Strecke der Bahnhof Dětenice.

Mittlerweile ist der Strom zurück und nachdem wir an der Endstation Kopidlno das Umsetzen beobachtet haben, bringt uns der Bus nochmal nach Dětenice, wo AŽD mit dem Competence Center eine Location für Schulungen und Ausstellungen eingerichtet hat. Hier bekommen wir noch einmal einen Einblick in die technischen Details des Autonomen Fahrens und zum Abschluss die Gelegenheit, bei einem kalten böhmischen Buffett die Zukunft fahrerloser Züge zu diskutieren.

AŽD Competence Center Dětenice

Nach diesem erlebnisreichen Tag in einer europaweit einzigartigen Einrichtung setzt uns der Bus in Nymburk am Bahnhof ab. Wieder in der Realität angekommen, demonstrieren die tschechischen Bahnen, dass Eisenbahnbetrieb auch mit etwas weniger Technik möglich ist. Der öffentliche Verkehr in Tschechien läuft nach dem Stromausfall wieder an. Nur die Reisendeninformation ist noch dunkel, stattdessen informiert ein Whiteboard am Hausbahnsteig über die nächsten Züge in alle Himmelsrichtungen. Wir fahren im Schnellzug nach Prag und steigen am kürzlich modernisierten Bahnhof Vysočany aus. Nachdem wir im A&O-Hostel eingecheckt haben, lassen wir den Abend in Prag ausklingen – je nach Präferenz im Gasthaus oder in der Straßenbahn.

Reisendeninformation in Nymburk nach dem Stromausfall

Dass unser Plan für Sonntagmorgen ebenfalls wegen SEV flachfällt, stand im Voraus schon fest. Eigentlich wollten wir mit dem Lužickohorský Rychlík gemütlich mit Bardotka und Abteilwagen die Rückreise antreten. So bleibt stattdessen Zeit, den Samstag in Prag zu verbringen. Nicht irgendein Samstag, sondern der Tag der Slawischen Apostel Kyrill und Method, an dem der Ankunft der beiden Missionare im Mährer-Reich im Jahre 863 gedacht wird. Das ist aber einer dieser Feiertage, an dem in Tschechien die Geschäfte trotzdem geöffnet sind, und so besteht für Touristen der wesentliche Unterschied darin, dass die Straßenbahnen mit Fähnchen geschmückt sind. An verkehrlichen Highlights bietet sich an, die neuen Straßenbahnen Typ Škoda ForCity Plus Praha 52T im Testbetrieb zu testen, mit der Baulinie 13 eine „Kaliforňan“ an der Haltestelle Muzeum zu erklettern oder den Pop-up-Haltepunkt Praha-Zlíchov zu nutzen, der während Bauarbeiten in Smíchov eine Woche lang als Endpunkt der S6 diente und danach wieder verschwand. Ansonsten – „Prag geht immer“ – und so endet die AŽD-Exkursion in der tschechischen Hauptstadt.

Wir bedanken uns bei AŽD für die Gastfreundschaft und den umfassenden Einblick ins Autonome Fahren vor Ort und bei uns im Hörsaal!

Škoda 52T im Testbetrieb

Kletterweiche „Kaliforňan“ an der Haltestelle Muzeum

temporäre Haltestelle Praha-Zlíchov an der S6

 

(Text und Bilder: Ernst)

Veröffentlicht in Exkursionen.