Studienreise nach Großbritannien 2016

Im Sommer 2016 wagte sich die Verkehrte Welt zum ersten Mal nach Großbritannien; ihr bisher westlichstes – deshalb aber nicht weniger spannendes – Reiseziel.

1. September – Anreise nach London

Die Anreise nach London erfolgt für die meisten von uns mit dem Zug. Um 7:20 Uhr beginnt unsere Reise ab Dresden über Leipzig, Frankfurt, Köln und Brüssel. In Bruxelles-Midi haben wir als erstes „Schmankerl“ für Verkehrswissenschaftler das Vergnügen, den Eurostar zu entern und den drittlängsten Tunnel der Erde zu durchfahren. Gegen 20 Uhr Ortszeit erreichen wir London St. Pancras International. Das prachtvolle Bahnhofsgebäude nebst Luxushotel, die abendliche Stimmung und die Lichter der Stadt bieten einen geradezu zauberhaften Empfang.

Das Hostel, aufgrund seiner Bettenanordnung von uns liebevoll auch „Legebatterie“ genannt, erweckt dagegen einen eher funktionalen Eindruck. Gleich am ersten Abend darf natürlich auch das Cliché der schrägen Hostelbewohner nicht fehlen und so präsentiert uns die einzige fremde Person in unserem Zimmer bei der Begrüßung stolz ihren Degen im Handgepäck.

2. September – London Overground und Anreise Isle of Wight

Um 10 Uhr haben wir einen Termin bei London Overground Rail Operations (LOROL), dem Betreiber des S-Bahn-ähnlichen Eisenbahnnetzes, welches im Liniennetzplan an seiner orangen Farbe zu erkennen ist. Da wir noch am selben Tag unseren Wochenendtrip auf die Isle of Wight antreten, checken wir zeitig aus dem Hostel aus und begeben uns mit all unserem Gepäck per Tube zur Willesden Junction. Dort sind wir mit Sam Russel, dem Stakeholder und Community Manager von LOROL, verabredet. Wir stehen zunächst etwas verloren an einem der Ausgänge, doch ein netter Mitarbeiter am Drehkreuz hilft uns weiter. Eine kurze Konversation am Funkgerät und schon taucht Mr. Russel auf und geleitet uns zum Depot. Auf dem kurzen Fußweg dorthin erklärt er uns, die Gegend sei „not very nice“. Der Bürgermeister plane aber grundlegende Veränderungen zur Aufwertung des Stadtteils und in sechs bis sieben Jahren werde dieser nicht mehr wiederzuerkennen sein. Bevor wir eine Führung durchs Depot bekommen und die Wartung einiger Triebwagen bestaunen dürfen, gibt uns Sam Russel mit einer interessanten Präsentation einen kleinen Einblick in die Organisation des Unternehmens. LOROL betreibt London Overground im Auftrag von Transport for London (TfL). Das Unternehmen ist nicht vom Ticketerlös abhängig, muss aber bei den geringsten Makeln im Service gepfefferte „penalties“, also Strafen, zahlen. Dafür liefert Mr. Russel uns gern ausführlich allerlei Beispiele. So koste ein Vogelnest an einer Station etwa zehn Pfund pro Tag. Er erwähnt aber auch die Herausforderungen bezüglich der Netzkapazität, die mit der Bündelung des Schienengüterverkehrs in und um London einhergeht. Dies wird auch bei unseren Terminen mit Network Rail noch eine Rolle spielen.

Die Wartungshalle der LOROL. Neben den LOROL-Triebwagen sind hier auch die Class 86-Lokomotiven des Caledonian Sleeper beheimatet.

 

Sams charmanter Kollege zeigt uns alles was uns interessiert.

 

Wir dürfen sogar einmal pfeifen 😉

Nach diesem ersten Highlight unserer Studienreise begeben wir uns mit unserem Gepäck weiter zur Waterloo Station, wo wir unseren South West Train nach Portsmouth nehmen. Nach anderthalb Stunden Fahrt erreichen wir die Hafenstadt und steigen um auf den Katamaran nach Ryde. Vom Pier Head in Ryde nach Shanklin folgt dann eine äußerst heitere Fahrt mit der Inselbahn, deren Kombination aus holpriger Infrastruktur und extrem federnden Sitzpolstern den Großteil der Reisegruppe begeistert. Nur das Wetter ist an diesem Nachmittag besonders englisch, sodass wir unser Hotel nur patschnass erreichen. Trotzdem erkunden wir noch den Ortskern und finden auch ein günstiges kleines Lokal, das Paramount Café, für ein typisch englisches Abendbrot.

Englischer Wind auf dem Katamaran zur Isle of Wight.

 

Dankbarerweise holen die ehemaligen Londoner U-Bahn-Züge die Fahrgäste direkt auf der Landungsbrücke ab.

 

Shanklin – beschaulich und britisch.

 

3. September – Ausflug zu den Needles

Nach einem ebenfalls typisch englischen Frühstück (im selben Lokal) steigen wir in einen Bus, selbstverständlich ein Doppeldecker, der uns zur westlichsten Spitze der Isle of Wight bringt. Dort finden sich neben einer sehr touristischen Miniflaniermeile und dem wahrscheinlich langsamsten Sessellift der Welt auch die „Needles“, eine Gruppe aus Kreidefelsinseln sowie ein ehemaliges Raketentestgelände, die „Needles Battery“. Dort erfahren wir in einer kleinen sehr anschaulichen Ausstellung mehr über die Geschichte des Areals. Entlang der Steilküste spazieren wir zurück nach Freshwater Bay, wo einige von uns ein kurzes Bad in den Wellen nehmen. Dann fahren wir zurück nach Shanklin und gönnen uns im Vernon Cottage einen klassischen Cream Tea. Zurück im Hotel kommt die Idee auf noch mal baden zu gehen. Die meisten wollen dazu ans Meer, obwohl sich das Wetter am Abend bereits deutlich verschlechtert hat. Einige bevorzugen den Pool in der Hoffnung auf die angepriesene Sauna und einen Jacuzzi. Beides ist allerdings außer Betrieb und es tropft aus der Decke ins Becken – der Vorteil gegenüber der Meerfraktion, die nur in Badesachen gekleidet durch den strömenden Regen zum Strand rennt, ist also eher zweifelhaft.

Ein Frühstück wie es uns noch einige Male auf der Reise begegnen wird.

 

Blick auf die Needles

 

Der Fußweg ist zwar schneller, aber wo sonst kann man denn direkt am Strand in einen Sessellift steigen?

 

Erste Anzeichen von britischem Geschmack.

 

Auf dem Weg nach Freshwater Bay.

 

Das passende Nachmittagsgedeck bei englischem Regenwetter.

 

4. September – Shanklin Chine und Rückfahrt nach London

Als letzte Sehenswürdigkeit vor unserer Abreise entscheiden wir uns für die Shanklin Chine, eine kleine touristisch erschlossene Schlucht, für die schon seit dem frühen 19. Jahrhundert Eintritt verlangt wird. Danach ist noch Zeit für einen kurzen Spaziergang entlang der Strandpromenade, bevor wir unser Gepäck im Hotel abholen mit dem Schaukelzug nach Ryde zurückfahren. Dort beobachten wir die spektakulären Hovercrafts bei ihren Abfahr- und Ankunftsmanövern bis wir schließlich selbst einsteigen und in Rekordzeit in Portsmouth zurück sind. Vom Hovercraft-Terminal zum Bahnhof ist ein längerer Fußmarsch durch die Hafencity nötig. Endlich angekommen stellen wir fest: Aufgrund von Personalmangel fährt unser Zug nicht bis London Victoria, sondern verendet in Littlehampton. Ein kurzer Blick auf die Karte genügt und uns wird klar, dass wir damit nicht weit kommen. Ein Mitarbeiter empfiehlt uns den South West Train nach London Waterloo, der ebenfalls über Clapham Junction fährt. Zwar wäre diese Verbindung deutlich teurer gewesen, aber der Schaffner lässt uns nach kurzem Protest doch mitfahren, sodass wir sogar etwas früher als geplant unser Quartier erreichen. Über das „Queen Elizabeth Hostel“ herrschen bereits am ersten Abend sehr unterschiedliche Meinungen in der Gruppe. Als eine der preisgünstigsten Unterkünfte ist der Komfort in den Zimmern nicht gerade enorm, die meisten sind allerdings schon durch die hosteleigene Bar von der Tauglichkeit des Ortes überzeugt.

Shanklin Chime – britische Interpretation von Idylle…

 

… oder Dungeon?

 

Die Strandpromenade von Shanklin

 

Die Passage über den Solent ist eine der letzten Strecken, auf denen Hovercraft-Schiffe verkehren.

 

Portsmouth bietet eine eigenartige Kombination aus schmuddeligen Hafenanlagen und stylischen Neubauten. Der Spinnaker Tower im Hintergrund wurde von Emirates gesponsert.

 

5. September – Network Rail London und Chinatown

Nach einem kleinen Frühstück an der Hostelbar für nur ein Pfund brechen wir auf Richtung Westminster, eigentlich mit dem Ziel an einer der FreeTours teilzunehmen. Der Weg durch die Großstadt London erweist sich allerdings als deutlich länger als erwartet und wir verpassen die Tour um zehn Minuten. Ein leichter Nieselregen trägt zur allgemeinen Ratlosigkeit bei. Dann spazieren wir eben auf eigene Faust durch die Innenstadt. Unser Weg führt uns am Big Ben und den Horse Guards vorbei durch den St. James’s Park, wo ein Teil der Gruppe von aufdringlichen Eichhörnchen aufgehalten wird, und schließlich bis zur Residenz der Queen, dem Buckingham Palace. Dort ist es schon wieder Zeit uns per Doppeldecker auf den Weg zu unserem nächsten Termin zu machen: 15 Uhr sind wir mit Mr. Steve Rhymes, Head of Freight Network Management von Network Rail, in der Zentrale verabredet. Von ihm und seinen Kollegen erfahren wir allerlei Wissenswertes rund um das Schienennetz und den Schienengüterverkehr im Vereinigten Königreich. Zum Beispiel, wer bei Beschädigungen der Lok durch Vogelschlag haftet. Das sei zunächst abhängig von der Größe des Vogels. Ein kleiner Vogel sollte eine Maschine nicht nennenswert beeinträchtigen. Wenn doch, so wurde wohl am Material gespart und das Eisenbahnverkehrsunternehmen zahlt. Ein größerer Vogel geht allerdings auf Kosten des Infrastrukturbetreibers, also Network Rail. Aber ab wann ist ein Vogel ein großer Vogel? Auch auf diese Frage wird uns bereitwillig geantwortet: ab der Größe eines Fasans. Natürlich!

Eine von vielen U-Bahn-Fahrten in London. Man beachte die Anzeigetafeln!

 

Busse in der Oxford Street – ein ebenso häufiger Anblick. Bei diesen hier handelt es sich um die New Routemasters, ein populistisches Projekt von Boris Johnson.

 

Horse Guards Parade am St. James’s Park

 

Ein aufdringliches Eichhörnchen

Am Abend beschließen wir in Chinatown chinesisch essen zu gehen. Zum Glück haben wir mit Toby jemanden dabei, der dort verhandlungssicher ein gutes Angebot für uns aufspürt. Ein nötig gewordener Spaziergang danach führt uns bis zum Trafalgar Square. Von dort aus bringt uns ein Bus zum Tower und so bestaunen wir noch die Tower Bridge und das Ufer der Themse bei nächtlicher Beleuchtung. Schließlich zurück im Hostel ist der Tag noch nicht vorbei, denn es stellt sich heraus, dass gerade die Leitungen der Bar gereinigt werden. Es gibt Freibier. Der eine oder andere staubt einen „Snake Bite“ ab, ein Gemisch aus Lager und Cider.

Der Eingang zur Chinatown

 

Toby lag nicht falsch!

 

Kein London-Aufenthalt ohne Tower Bridge. Hier bei Nacht.

 

6. September – Eurostar

Morgens um 10 Uhr haben wir einen Termin im – auch architektonisch – interessanten Firmensitz von Eurostar. Wir werden sehr herzlich Lesley Retallack, Head of Events & CSR, empfangen. Sie erzählt zunächst von der Geschichte des Unternehmens, von möglichen Rivalen, die eines Tages ebenfalls den Tunnel befahren wollen sowie ein paar Anektdoten von prominenten Business-Premier-Kunden. Bei Kaffee und Keksen werden wir unsere Fragen zu Firmenstrategie, Preispolitik, Expansionsplänen und nicht zuletzt zu den neuen e320-Zügen los. Dann statten wir den nahegelegenen Bahnhöfen St. Pancras und King’s Cross einen Besuch ab. In ihrer Mittagspause nimmt uns Lesley Retallack mit auf einen Rundgang durch die Umgebung zum Regent’s Canal und zum Granary Square im Stadtentwicklungsgebiet „King’s Cross Central“. Dort entstehen im Zuge der Revitalisierung teure Wohnungen aus alten Gasometern, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten aus ehemaligen Bahnanlagen und Lagerhallen. Auch Google schafft sich dort einen neuen Hochglanzstandort.

Der schön sanierte Bahnhof St. Pancras mit einem Eurostar TMST

 

Wir haben redlich Mühe, Mrs. Retallack folgen zu können.

Zurück in King’s Cross und wieder auf uns gestellt, spaltet sich die Gruppe auf. Ein Teil beschließt, der Tower Bridge mit ihrem Museum, den gläsernen Fußgängerstegen und dem Maschinenraum bei Tag noch einen Besuch abzustatten. Danach erklimmen wir die 311 Stufen des Monuments, einem Denkmal zum großen Stadtbrand von 1666, das zwischen all den Wolkenkratzern eher ziemlich klein wirkt. Außer Puste sind wir trotzdem und bekommen zur Belohnung sogar jeder eine persönliche Urkunde.

Blick von der Tower Bridge auf die Docklands

 

Im Maschinenhaus können wir selbst ausprobieren, wie man mittels kluger Hydraulik schwere Lasten mit wenig Kraft heben kann.

 

Beweisfoto auf dem Monument

Mit der führerlosen Docklands Light Railway (DLR) fahren wir später ins Bankenviertel Canary Wharf (mehr Wolkenkratzer) und weiter bis nach Greenwich, einem erstaunlich grünen Stadtteil Londons. Unterwegs verpassen wir unsere Station, weil nur die mittleren Türen sich an den zu kurz geratenen Bahnsteigen öffnen lassen. Wir besuchen den Nullmeridian auf einem Hügel im Greenwich Park und genießen die Aussicht. Es findet sich auch noch ein gemütlicher Pub, bevor die Gruppe in Feierlaune wieder Richtung Innenstadt aufbricht.

 

Wir schließen uns dem eiligen Treiben der Banker von Canary Wharf nicht an.

 

Blick von Greenwich auf Canary Wharf

 

Wieder eine Seilbahn, allerdings eine Nummer größer. Sie verbindet Greenwich mit den Docklands und mal wieder taucht Emirates als Sponsor auf.

 

Gebannter Blick aus einem DLR-Zug bei der Rückfahrt. Magie?

 

7. September – Department of Transport und Docklands Light Railway

Um 10 Uhr verlassen wir das Hostel. Einige sind darüber nicht gerade traurig. Wir brechen wieder auf Richtung Westminster, denn 11:30 Uhr sind wir mit Thomas Barry vom Projekt High Speed 2 im Department for Transport verabredet. Drei von uns entscheiden sich trotz Gepäck dafür den Weg dahin auf Leihrädern zu bestreiten. Die ÖV-Fraktion ist allerdings eher da, auch weil sich die Fahrradparkplatzsuche im Regierungsviertel als schwierig erweist. Ladestationen für Elektroautos gibt es hier hingegen im Überfluss. Nach kurzer Wartezeit und unter den fragenden bis pikierten Blicken der Mitarbeiter empfängt uns Mr. Barry in einem kleinen Konferenzraum. Wir erfahren, dass der Auslöser für das Projekt High Speed 2 nicht vordergründig der Wunsch nach Fahrzeitreduzierung zwischen Englands Großstädten ist, sondern das bestehende Netz die Grenzen seiner Kapazität erreicht hat. Darunter leide der Komfort. Und wenn man schon neu bauen muss, warum dann nicht gleich eine Hochgeschwindigkeitstrasse? Für bis zu 400 Kilometer pro Stunde wird sie ausgelegt. Geplant wird nur mit 360, aber man muss ja langfristig denken. Die neue Strecke verläuft zum Teil durch Dörfer mit 400 Jahre alten Häusern, die dem Großprojekt ebenso weichen müssen, wie ein gewaltiger Teil der Bebauung um den Bahnhof Euston und uralte eigentlich schützenswerte Waldlandschaften. Aber was Entschädigungen betrifft, sei man hier angeblich besonders großzügig. Und immerhin soll die Fahrzeitersparnis zwischen den Städten bis zu 45 Minuten betragen.

Direkt im Anschluss ist noch ein Termin bei DLR geplant. Wir beeilen uns zur Station Gallions Reach zu gelangen, wo wir abgeholt werden sollen. Es kommt aber niemand. Also begeben wir uns zu Fuß zum Depot und nach einigen aufgeregten Telefonaten erreichen wir tatsächlich unseren Ansprechpartner, Derek Wilson, Customer Service Advisor. So bekommen wir doch noch einen hochinteressanten Einblick in den Control Room, bevor wir etwas überstürzt Richtung Paddington aufbrechen, um unseren Zug nach Oxford noch zu erwischen – und ärgern uns umso mehr, dass jener Zug um fast eine halbe Stunde verspätet ist.

Nach Oxford fahren wir mit einem High Speed Train. Diese über 40 Jahre alten dieselbetriebenen Züge bilden noch immer das Rückgrat des britischen Fernverkehrs.

Das HI-Hostel in Oxford wirkt durch seine großzügigere Einrichtung im Vergleich zu unserer Unterkunft in London fast wie ein Luxushotel. Am Abend schlendern wir noch durch die Universitätsstadt und finden ein paar authentische Kneipen, wo wir diesen ereignisreichen Tag ausklingen lassen.

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