Herbstreise nach Prag 2025 – Reisebericht

Breslau oder Prag stehen zur Wahl für unsere Herbstexkursion, bei der der Spaß am Reisen im Vordergrund stehen soll. Und da wir aus Breslau leider keine Rückmeldungen zu Exkursionsanfragen bekommen, heißt es: Prag geht immer!

Und so versammeln wir uns am Reformationstag unter der Kuppel, um den Hauptbahnhof gleich wieder zu verlassen, denn bis Ústí nad Labem bringt uns der SEV-Bus. Dessen Fahrzeiten sind darauf ausgelegt, im Notfall auch über die Bundesstraße fahren zu können. Da die A17 aber offen ist, finden wir uns nach 50 Minuten Fahrt gut eine Stunde vor Plan in Ústí wieder. Nach einem kurzen Verpflegungsstopp bei BILLA nehmen wir den nächstbesten Zug nach Prag. Dort werden erstmal alle Mitreisenden mit ÖPNV-Tickets ausgestattet.

Um 12 Uhr steht gleich unser erster Termin an. Der Infrastrukturbetreiber Správa železnic lädt uns ein, die Baustelle am Bahnhof Praha-Smíchov zu besichtigen. Im alten Empfangsgebäude aus den 1950ern erläutert ein Mitarbeiter von Hochtief CZ das Bauprojekt „Terminal Smíchov“. Seit 2024 wird der Bahnhof umfassend modernisiert. Dabei sind zunächst die nördlichen Bahnsteige und die Abstellanlagen von Regiojet verschwunden. Im Rahmen der Modernisierung werden die Bahnsteige erneuert und Unterführungen mit Aufzügen eingebaut. Das alte Bahnhofsgebäude wird teilweise in einen Neubau integriert. Oben auf dem Neubau entsteht ein Busbahnhof. Brücken verbinden die Stadtteile auf beiden Seiten des Bahngeländes. Am Ende soll die ganze Anlage überdacht werden. Auf dem angrenzenden Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs entsteht mit Smíchov City ein neues Stadtviertel. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs laufen gerade Hoch- und Tiefbauarbeiten an den Bahnsteigsanlagen. Wir können die Unterführungen und Brücken im Rohbau besichtigen. Der Bau der Bahnsteigabschnitte, die im Süden außerhalb der Halle liegen werden, ist schon weit fortgeschritten. Während der Modernisierungen läuft der Zugverkehr in reduziertem Umfang weiter.

Baustellenbegehung in Smíchov

Am Hausbahnsteig läuft der Betrieb weiter.

Aus Richtung Hauptbahnhof reicht der Gleisbau bis an die Baustelle heran. Links entsteht Smíchov City.

Die neuen Bahnsteige außerhalb der zukünftigen Überdachung

Der Nachmittag steht zur freien Verfügung. Für einige der Mitreisenden ist das der erste Besuch in Prag, da darf natürlich Zeit zum Erkunden nicht fehlen. Wer möchte, schließt sich einem Spaziergang über die Branický most an. Die frisch modernisierte Eisenbahnbrücke hat die Besonderheit, dass der Fußweg zwischen den beiden Gleisen liegt. Gegenwärtig nutzen die Brücke neben Güterzügen auch diejenigen Fernzüge, die um Smíchov herum umgeleitet werden. Am späten Nachmittag treffen wir uns beim A&O-Hostel zum Einchecken wieder. Anschließend ziehen wir zur Vinohradský Pivovar, wo modern interpretierte tschechische Klassiker und einige hauseigene Biere auf der Karte stehen.

Am Samstagmorgen können wir dank persönlicher Kontakte einen Blick ins Depot Praha-Vršovice werfen. In zwei großen Ringlokschuppen stehen bunt gemischt alle möglichen modernen und alten Lokomotiven, die rund um Prag zum Einsatz kommen. Besonders farbenfroh zeigen sich Dieselloks wie die bekannten „Taucherbrillen“ oder „Bardotka“, die unter anderem im Ausflugsverkehr noch eingesetzt werden. Auch die ein oder andere Brotbüchse steht im Schuppen. Einige Arbeitsstände sind an Siemens vermietet für die Wartung der Vectrons. In der angeschlossenen Werkstatt können im Rahmen von Open Access auch andere Betreiber neben der Staatsbahn ihre Züge warten lassen. Auf dem Außengelände rund um die zwei Drehscheiben warten zahlreiche fabrikneue 230km/h-Vectrons auf ihre ersten Einsätze. Gleichzeitig blicken Škoda-Loks der Baureihe 151 und auch der recht jungen 380-Serie im Licht der Einführung von ETCS auf den Hauptstrecken einer unsicheren Zukunft entgegen. Unter fachkundiger Anleitung dürfen wir zahlreiche Führerstände, Maschinenräume, Untersuchungsgruben und Dacharbeitsstände besichtigen. Nach gut zweieinhalb Stunden haben wir so ziemlich alles gesehen.

Erneut steht der Rest des Nachmittags zur freien Verfügung. Wer sehen möchte, wie ein modernisierter Prager Bahnhof aussieht, fährt mit dem Zug auf der Strecke zwischen Dejvice und Masarykovo Nádraží und besichtigt den Bahnhof Bubny samt Aussichtsterrasse auf dem Dach. Außerdem sind die PID-Fußgängerfähren über die Moldau an diesem Wochenende noch im Einsatz. An Indoor-Aktivitäten bietet sich ein Besuch im Nationalen Technik-Museum an oder die Einkehr in einer der zahlreichen Gaststätten.

Bahnhof Praha-Bubny

PID-Fähre P1 Sedlec – Zámky

Am Sonntagmorgen zelebrieren die Verkehrsbetriebe in Prag das 40-jährige Jubiläum der Eröffnung der Metro-Linie B zwischen Smíchov und Florenc. Aus dem Anlass ist der historische Metro-Zug der sowjetischen Baureihe 81-71 auf den Gleisen und kann mit dem ÖPNV-Ticket genutzt werden, was wir natürlich gerne annehmen. 

Sonderverkehr anlässlich „40 Jahre Linie B“

Mitfahrt im 81-71

Den Abschluss der Reise bildet ebenfalls ein historisches Fahrzeug. Dank der Förderung von Spätverkehr e.V. können wir den Ringhoffer-Wagen Nr. 412, Baujahr 1920, für eine Sonderfahrt chartern. In der Dämmerung fahren wir gemütlich kreuz und quer durch die Stadt und überqueren dabei fast alle Moldaubrücken.

Sonderfahrt im Straßenbahnwagen Baujahr 1920

Die Rückreise treten wir im Rychlík Labe an. Im Elbtal herrscht immer noch SEV, weswegen wir per Bus und Fähre zum Nationalparkbahnhof weiterreisen. Wie so oft bringt uns die S1 zurück nach Dresden.

Uns freut besonders, dass wir mit dieser Fahrt wieder einige Erstsemester und sogar Kollegen von der HTW für das Reisen mit der Verkehrten Welt begeistern konnten. Wir bedanken uns bei unseren Gastgeber*innen für die spannenden Einblicke und bei Spätverkehr e.V. für die Förderung der Reise.

(Text und Bilder: Ernst)

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