Studienreise ins Ungewisse nach Chabarowsk vom 01. bis 20. April 2004

Ohne genau zu wissen, was auf uns zukommt, aber mit vielen guten Vorsätzen besuchte eine Gruppe aktueller und ehemaliger Dresdner Verkehrsstudenten die Eisenbahnuniversität von Chabarowsk. Dort fand vom 07. bis 09. April eine Konferenz mit dem Thema „Verbesserung der internationalen Kooperation im Bereich der Forschung, der Kommunikationstechnologie und des Managements im Transportsektor“ statt. Im Vordergrund der Studienreise stand dabei der Aufbau von langfristigen Beziehungen zwischen dem Verein „Verkehrte Welt e.V.“ und der russischen Eisenbahnuniversität. Da es sich hier um den ersten Besuch von Dresdner Studenten in Chabarowsk handelte, war die Neugier auf beiden Seiten natürlich besonders groß.

Die Anreise (01. bis 06. April)

Am 01. April startete unser Flugzeug früh in Berlin und die etwa dreiwöchige Studienfahrt begann. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich schon zwei unserer Begleiter in Irkutsk auf dem Baikalsee. Nach ein paar Stunden Flug erreichten wir Moskau. Da wir bis zu unserem Anschlussflug nach Irkutsk noch etwas Zeit hatten, nutzten wir die Gelegenheit, um uns einige Sehenswürdigkeiten der Stadt anzusehen. Für einige war es der erste Besuch in der russischen Hauptstadt und dementsprechend groß war auch unser Interesse an Kreml, Basilika, Metro oder Arbat. Moskau ist allerdings keine typische russische Stadt. Vieles wirkt europäisch und dadurch sehr vertraut. Vielleicht genau das richtige, um nicht sofort einen kulturellen Schock zu erleiden.

Als wir am nächsten Morgen Irkutsk erreichten, wurden wir auch gleich von einem heftigen Schneesturm in Sibirien begrüßt. Aber genauso schnell wie er auftauchte, war er auch schon wieder verschwunden und strahlend blauer Himmel kam zum Vorschein. Nachdem wir unsere beiden „Vorausgeeilten“ am Flughafen gefunden hatten, war unsere achtköpfige Gruppe nun endlich komplett. In Irkutsk bot sich uns ein vollkommen anderes Bild, als in Moskau. Viele alte heruntergekommene Wohnblocks, zahlreiche kleine Holzhütten und am Straßenrand zurückgelassener Müll. Diese triste Atmosphäre wurde durch das Tauwetter mit dem daraus resultierenden Matsch noch verstärkt. Wir konnten jedenfalls nicht verstehen, warum man diese Stadt als das „Paris des Ostens“ bezeichnet. Aber auch wenn diese Stadt nicht besonders schön auf uns wirkte, so war sie auf ihre spezielle Art doch hochinteressant.

Am Abend machten wir dann auf dieser Reise unsere ersten Erfahrungen mit der Transsibirischen Eisenbahn. Wir fuhren mit der Bahn entlang des südlichen Baikalseeufers nach Ulan-Ude, einer der größeren Städte der Republik Burjatien. Es gibt zahlreiche Geschichten und Mythen über diese Bahnstrecke und gerade deshalb war unsere Vorfreude wohl besonders groß. Es ist schon ein tolles Erlebnis in der billigsten Klasse der Transsib durch Russland zu reisen. Man kommt hier relativ schnell mit anderen Passagieren in Kontakt, wenn man die Sprache einigermaßen beherrscht. Die Russen sind ein relativ offenes und freundliches Volk, die sich gerne mit Fremden unterhalten. Man hat in der Bahn auch kaum Möglichkeiten sich in eine ruhige Ecke zurückzuziehen. Überall tönt russische Musik durch die Lautsprecher, es gibt in dieser Klasse keine Türen um sein jeweiliges Abteil abzuschließen und die Russen haben wohl ein besonderes Geschick dafür entwickelt die Türen am Anfang und Ende eines jeden Waggons besonders laut zu schließen. In der Nacht wird es dann wenigstens etwas ruhiger. Auf jeden Fall konnten einige von uns in der ersten Nacht kaum schlafen, was entweder an der siebenstündigen Zeitverschiebung zu Deutschland oder am Schaffner lag, der wohl versehentlich das Thermostat auf Sauna gestellt haben muss.

Am nächsten Tag erreichten wir das schon oben erwähnte Ulan-Ude. Aufgrund ihrer geographischen Lage gilt diese Gegend auch als das „Tor zur Mongolei“, was sich sowohl am Aussehen der Bevölkerung als auch an der Religion widerspiegelt. In diesem Teil Russlands befinden sich die meisten buddhistischen Klöster. Eines davon besichtigten wir dann auch und konnten dabei ganz neue Rituale kennen lernen. Genauso interessant wie das Kloster war allerdings ein direkt daneben liegendes typisches russisches Dorf. Die Häuser waren alle aus Holz gebaut, von einem großen Holzzaun umgeben und die Hälfte der Grundstücksfläche war mit Feuerholz belegt. Auf der nicht asphaltierten Hauptstraße reihte sich ein Loch an das andere und direkt neben dem Dorf befand sich eine große Müllhalde. An solchen Beispielen sieht man am besten, wie arm dieses Land doch wirklich ist. Nach weiteren zwei Tagen Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn erreichten wir dann das Ziel unserer Reise – Chabarowsk.Chabarowsk Russland TU Dresden

Der Aufenthalt in Chabarowsk (06. bis 10. April)

Chabarowsk liegt mit seinen 600000 Einwohnern direkt an der chinesischen Grenze am Fluss Amur. Der pazifische Ozean ist für russische Verhältnisse nur noch einen Katzensprung von wenigen hundert Kilometern entfernt. Aufgrund ihrer Lage ist die Stadt leicht amerikanisch geprägt.

Im Bahnhof von Chabarowsk angekommen, wurden wir gleich vom Dekan der Fakultät für internationale Beziehungen Sergej Tretjak empfangen. Nach einer kurzen Begrüßung, ging es mit einem Kleintransporter zu unseren Unterkünften für die nächsten Tage. Wir wohnten in einem zwei Jahre alten Wohnheim, wo sonst nur Dozenten und Doktoren untergebracht werden. Im Vergleich zu den Studentenwohnheimen waren unsere Zimmer geräumiger, besser ausgestattet und mit einer für russische Verhältnisse sehr sauberen Toilette versehen. Man muss sagen, dass sich die Russen rührend um uns kümmerten und ihnen viel an unseren Wohlergehen lag. Wir wurden wie ganz besondere Personen behandelt und fast jeder wollte sich mit uns unterhalten oder etwas unternehmen. Da die meisten russischen Verkehrswissenschaftler oder Ingenieure leider weder Englisch noch Deutsch sprechen, wurden uns einige Englisch-Studenten/innen zugeteilt. Sie begleiteten uns über den ganzen Aufenthalt hinweg und standen für alle Fragen und Probleme zur Verfügung. Am Nachmittag bekamen wir dann zum ersten Mal das Hauptgebäude der Universität zu Gesicht. Es ist ein großes, vor kurzem renoviertes Gebäude, welches sowohl von außen als auch von innen sehr sauber aussieht. Die Räume sind alle sehr groß und in einem guten Zustand. Die Eingänge werden von Sicherheitsbeamten mit Pistolen überwacht. Man sieht daran die große Angst vor Anschlägen und das staatliche Sicherheitsdenken.

Am 07. April wurde die Konferenz im großen Plenarsaal der Universität mit einer Begrüßung und mehreren Vorträgen auf Russisch eröffnet. Im Verlauf des Tages hielten dann noch russische Studenten auf Englisch Vorträge über verschiedene Wirtschaftsthemen. Hier zeigten sich ganz extrem, die unterschiedlichen Ansichten, welche bei solchen Themen zwischen Russen und Deutschen bestehen. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, an deren Ende jede Seite ihren Standpunkt dargelegt hatte. Es handelte sich dabei, um allgemeines Wirtschaftsverhalten oder die unterschiedliche Auffassung von Verkehrsbegriffen, wie zum Beispiel ökologischer Tourismus.

Neben der Konferenz ging es aber bei der Reise auch darum die Menschen kennenzulernen, erste Kontakte zu knüpfen und die Grundlage für einen eventuellen späteren Studentenaustausch zu legen. So unternahmen wir nebenbei viel mit den russischen Studenten. Zu diesen „außeruniversitären“ Aktivitäten zählten eine Stadtbesichtigung, ein Bowling- und Billiardabend, Disco, gemeinsames Abendessen, die Besichtigung eines chinesisch-koreanischen Marktes und zahlreiche informative Gespräche. Ein Highlight aus verkehrswissenschaftlicher Sicht war dabei der Besuch eines Depots der russischen Eisenbahn. Ein Mitarbeiter des Depots führte uns durch die verschiedenen Wartungs- und Reparaturhallen und erzählte dabei über viele interessante technische Details.

Am vorletzten Tag unseres Aufenthaltes hielten wir dann unsere Vorträge vor zahlreichen interessierten Studenten. Wir stellten dabei die Universität Dresden, den Verein „Verkehrte Welt e.V.“, unsere verschiedenen Sponsoren und unsere Ideen über „transkontinentale Verkehrskorridore“ vor. Die folgende Diskussion zeigte dann erneut, wie unterschiedlich doch die Ansichten zwischen Russen und Deutschen bei solchen Themen zum Teil sind. Bei der anschließenden Verabschiedung unserer Gruppe durch den Dekan Sergej Tretjak wurde entsprechend russischer Tradition bei einer Flasche Wodka ein Resümee der vergangenen Tage gezogen und die Möglichkeiten einer zukünftigen Partnerschaft besprochen.

Die Rückfahrt (10. bis 20. April)

Die Rückfahrt nach Deutschland war dann hauptsächlich touristisch geprägt. Wir nahmen uns die Zeit, um einige Gebiete etwas genauer zu besichtigen. Wir wählten für die Rückreise auch eine andere Route. Diesmal ging es über die nördlich der Transsib verlaufende Baikal-Amur-Magistrale Richtung Westen. Diese Bahnlinie verläuft zum Großteil durch schwer bebaubares, tektonisch gefährdetes Sumpfgebiet und Gebirge. Im Vergleich zur transsibirischen Eisenbahn ist sie relativ gering besiedelt, dafür aber landschaftlich noch reizvoller. Vor allem das Stanowoi-Gebirge war aufgrund seines wunderschönen Panoramas eine große Attraktion.

Unseren ersten längeren Aufenthalt machten wir in Chani. Dieses Dorf mit 800 Einwohnern liegt völlig abgeschieden inmitten einer Berglandschaft. Die nächste kleine Siedlung ist etwa zwei Autostunden entfernt. Die einzigen Arbeitgeber sind ein Heizkraftwerk, sowie ein Depot der russischen Eisenbahn. Die Einwohner waren sehr freundlich, auch wenn sie nicht verstehen konnten, warum wir uns in dieser Gegend überhaupt aufhalten. Wir nutzen die Zeit hauptsächlich für lange Wanderungen und zur Entspannung von den vorausgegangenen stressigen Tagen.

Unsere nächste große Station war Sewerobaikalsk, eine am nördlichen Ufer des Baikalsees gelegene Stadt. Wie eigentlich alle Städte an der Baikal-Amur-Magistrale sollte sie zu einem großen Industriestandort aufgebaut werden. Aber nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den dadurch wegfallenden Staatssubventionen platzte dieser Traum wie eine Seifenblase. Die an der Bahnlinie liegenden Baumaterialien für tausende Wohnblöcke sind bis heute stumme Zeugen dieser Idee. Der Baikalsee war aufgrund seiner beeindruckenden Landschaft ein touristischer Höhepunkt dieser Fahrt. Dieser wasserreichste See der Erde war vollkommen zugefroren. Es ist schon ein komisches Gefühl 8000 Kilometer von zu Hause entfernt über den Baikalsee zu spazieren und erst recht wenn dann mitten auf dem Eis noch die großen Lkws an einem vorbeifahren.

Einen weiteren längeren Aufenthalt hatte unsere Gruppe in Bratsk. Sofort nach der Ankunft fällt einem ein beißender Geruch auf. Dieser stammt aus den umliegenden Schornsteinen der großen Aluminium- und Holzkombinate, die ihre Abgase beinahe ungefiltert in der Umgebung verteilen. Aufgrund der hohen Umweltverschmutzung besitzt diese Region die mit Abstand höchste Fehlgeburtenrate in ganz Russland. Bekannt wurde Bratsk durch seinen riesigen Staudamm von über ein Kilometer Länge, welcher Anfang der siebziger Jahre als der Größte der Welt galt. Er ist ein Inbegriff der früheren sowjetischen Gigantomanie, bei der versucht wurde überall das Größte und Beste zu erbauen.

Fazit

In den etwa drei Wochen unserer Studienreise lernten wir Russland als ein sehr interessantes Land kennen. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Freundlichkeit der Menschen und die wunderschöne Natur. Es war der erste Besuch Dresdner Studenten an der Universität von Chabarowsk und weitere Treffen sollen folgen. Wir haben die russischen Verkehrsstudenten zu den verkehrswissenschaftlichen Tagen im Sommer 2005 in Dresden eingeladen. Weiterhin wird die Möglichkeit untersucht einen Praktikantenaustausch zwischen den beiden Städten durchzuführen. Beide Seiten sind an einer langfristigen Partnerschaft und Zusammenarbeit interessiert. In der nächsten Zeit wird es darauf ankommen, die bestehenden Kontakte zu intensivieren und auszubauen.

Abschließend möchten wir uns noch bei allen herzlich bedanken, die sich an der Durchführung dieser für uns unvergesslichen Fahrt beteiligt haben. Da wären zuerst der Dekan der Fakultät für internationale Beziehungen der Uni Chabarowsk Sergej Tretjak und seine Mitarbeiter zu nennen. Ein großes Dankeschön geht an die Mitglieder der Verkehrten Welt (vor allem Thea und Norbert) und unsere Sponsoren, die uns beratend und finanziell unterstützten. Von Seiten der Sponsoren sind zu nennen Professor Trinckauf, Professor König und die Deutsche Bahn AG. Nicht zu vergessen die Studenten der Uni Chabarowsk, welche uns während des gesamten Aufenthalts begleiteten und somit auch einen großen Anteil am guten Gelingen dieser Reise haben.

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